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| "Suli", kolorierter Stahlstich, Buchillustration
aus der Mitte des 19. Jahrhunderts |
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Suli - Geschichte eines vergessenen Ortes
Der Reisende, der von Igoumenitsa oder Preveza
kommend, der Küstenstraße durch den Epirus folgt,
erreicht südlich von Parga eine weite, von Flüssen
und Bewässerungskanälen durchzogene Ebene. Der Acheron,
der Unterweltsfluß der Antike, hat hier ein Delta geschaffen,
das im Osten von einer hohen Gebirgswand überragt wird.
Bis zu 1600 m ragen hier Berggipfel aus der küstennahen
Ebene steil in den Himmel. Es sind die Berge von Suli.
Wann diese Berge erstmals besiedelt wurden ist
unklar, sicher ist jedoch, dass sich dort albanische Stämme
niederließen, die während der Islamisierung Albaniens
an ihrem christlichen Glauben festhielten. Der Epirus war
damals ein gemischter, griechisch-albanischer Kulturraum.
Im heutigen griechischen Teil ist dies -als Folge des zweiten
Weltkriegs- nur noch an einzelnen Ortsnamen ablesbar. Im nördlichen,
heute albanischen Teil, ist dies deutlicher, auch wenn die
dortigen Griechen einem starken Assimilationsdruck ausgesetzt
sind. Im osmanischen Reich unterschieden die türkischen
Besatzer nach Religionszugehörigkeit, nicht nach ethnischer
Zugehörigkeit, und so wurde Suli auch eine Zuflucht für
Griechen, die mit der türkischen Obrigkeit in Konflikt
geraten waren. In Suli bildete sich ein "Staat im Staat",
der über lange Zeit eine regionale Autonomie verteidigen
konnte.
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| "Das Tal von Suli und der Acheron",
Stahlstich aus einer englischen Reisebeschreibung. Zu
sehen ist der Fußweg entlang des Acheron. Er noch
heute begehbar. |
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Mitte des 18. Jahrhunderts umfasste die "Konföderation
von Suli" 60 Dörfer. Ihr Zentrum waren die Dörfer
Suli und Samoniva, die Festungen Kiafa, Kunghi und Avarikos.
Die Ruinenfelder um das heutige Dorf Suli lassen auch heute
noch den Umfang der damaligen Besiedlung ahnen. Einige Tausend
Menschen lebten hier. Eine Armee von 2000 Kämpfern sicherte
die Unabhängigkeit der Gebirgsrepublik. Ein Zeitzeuge
schrieb: "Kein Suliote geht dem Handel nach, oder hat
irgendein Handwerk erlernt. Alles was sie von Kindheit an
erlernt haben, ist der Gebrauch ihrer Waffen."
Die Türken versuchten wiederholt ihre Kontrolle
über die aufständische Region wieder herzustellen.
1731 wurde Hatzi Achmet, Pascha von Ioannina, vom Sultan beauftragt,
Suli zu unterwefen. Seine Armee von 8000 Mann scheiterte.
1754 erlitt Mustafa Pascha mit einer ebenso großen Armee
das selbe Schicksal. In den folgenden Jahren versuchten es
Mustafa Kokka mit 4000 Soldaten und Bekir Pascha mit 5000,
beide vergebens. 1759 wurde Dost Bey, der Kommandeur von Dhelvinou,
von den Sulioten geschlagen. Maxoud Aga von Margariti, Gouverneur
von Arta, erging es 1762 nicht besser. 1772 griff Suleiman
Tsapari Suli an, seine 9000 Mann starke Armee wurde vernichtet.
1775 scheiterte eine Expedition von Kurt Pascha.
Als 1788 der berüchtigte Ali Pascha Herrscher
über das Paschalik Ioannina wurde, versuchte er 15 Jahre
lang Suli zu unterwerfen. Zunächst vergebens. 1790 scheiterte
eine Armee von 3000 Albanern. Auch durch die Geiselnahme einiger
ihrer Führer ließen sich die Sulioten nicht bezwingen.
Im darauf folgenden Angriff auf die Gebirgsrepublik töteten
allein die suliotischen Frauen 700 von Alis Soldaten und verfogten
die Überlebenden.
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| "Die Felsen von Suli",
Zeichnung von Edward Lear, 1849 |
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Unterstützung erhielten die Sulioten aus
dem Ausland, vor allem von Russland und England. Sie lieferten
Waffen und Munition. Die europäischen Großmächte
sahen in den Sulioten ein willkommenes Mittel das osmanische
Reich zu schwächen. Als es der englischen Diplomatie
jedoch opportuner erschien die Türkei gegen Napoleon
zu stabilisieren, wurden die Waffenlieferungen eingestellt.
Ohne Nachschub und unter dem Druck jahrelanger Belagerung
zerbrach die Einheit der suliotischen Clans. Der einflussreiche
Botsaris-Clan verhandelte mit Ali Pascha. Er vereinbarte die
Übergabe der Festungen gegen freien Abzug auf die ionischen
Inseln, die von England besetzt waren. Weihnachten 1803 zogen
die meisten Sulioten ab. Diejenigen, die blieben, leisteten
erbitterten Widerstand gegen die anrückende türkische
Armee. Der Mönch Samuil sprengte sich und andere auf
der Festung Kunghi selbst in die Luft. Unterdessen brach Ali
Pascha seine Zusage über freien Abzug. Die osmanische
Armee griff die Abziehenden an, der Abzug geriet zur Katastrophe.
Bei Zalongo stürzte sich eine Gruppe von suliotischen
Frauen mit ihren Kindern von einer Felsklippe, um der Gefangennahme
durch die Türken zu entgehen. Eine andere Gruppe sprengten
sich in der Festung des Küstendorfes Riza selbst in die
Luft. Viele jedoch erreichten den englischen Hafen Parga und
ließen sich dort oder auf den benachbarten ionischen
Inseln nieder.
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| Der
Tod des Markos Botsaris war ein beliebtes Motiv für
Propagandadrucke, die in Europa für die Unterstützung
des griechischen Freiheitskampfes warben. |
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Katharina
"Rosa" Botsaris war Hofdame im Dienste von Königin
Amalia von Griechenland. Sie war eine bewunderte Schönheit
ihrer Zeit an europäischen Höfen.
Gemälde von J. Stieler, München, 1841. |
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Die politische Instabilität auf dem Balkan
nahm in den folgenden Jahren zu. Als sich die Anzeichen für
einen Aufstand der Griechen gegen die türkische Herrschaft
mehrten, sah Ali Pascha seine Chance den Epirus als eigenständigen
Staat aus dem osmanischen Imperium zu lösen.
1820 rief er die Sulioten zur Hilfe, sie kehrten auf das Festland
zurück und unterstützten ihren ehemaligen Feind
gegen den Sultan. Das Unternehmen scheiterte, die türkische
Armee nahm Ioannina ein und tötete Ali Pascha. Viele
Sulioten schlossen sich daraufhin dem griechischen Aufstand
an, der 1821 begonnen hatte. Mit Markos Botsaris und Kitsos
Tsavellas stellten sie zwei der berühmtesten Revolutionsgeneräle.
Suliotische Einheiten kämpften auf dem
gesamten nördlichen Festland. Gemeinsam mit Kriegsfreiwilligen
aus ganz Europa ließen viele von ihnen ihr Leben bei
der Verteidigung von Messolongi. Lord Byron, der prominenteste
europäische Freiwillige der Revolutionsarmee und kommandierender
General in Westgriechenland, versuchte sie in eine reguläre
Armee zu integrieren und scheiterte damit. Die Clan-Struktur
der Sulioten ließ sich nicht in die Armee integrieren.
Die Befreiung ihrer Heimat erlebte keiner der
damals lebenden Sulioten. Bis 1909 unterhielt die türkische
Armee einen Stützpunk auf der Festung Kiafa. Erst 1913,
im Balkankrieg, eroberte die griechische Armee große
Teile des Epirus und gliederte sie Griechenland an.
Der Preis, den die Sulioten für ihre Unbeugsamkeit
zahlten, war hoch. Der griechisch-albanische Stamm, der soviel
für das Entstehen eines griechischen Nationalstaats leistete,
ist als Gemeinschaft von der Geschichte vernichtet worden.
Sein Herkunftsort ist eine Trümmerwüste. Seine Nachkommen
leben über Griechenland und die ganze Welt verstreut.
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